• Lisa-Marie Wydra

Wie du zu deinen Schwächen stehen kannst

Aktualisiert: Nov 11

"Wie genau wir uns selbst kennen und verstehen, ist von entscheidender Wichtigkeit. Wenn wir aber den Wunsch haben, ein Leben aus tiefstem Herzen zu führen, dann gibt es etwas, das noch bedeutsamer ist: nämlich uns selbst zu lieben." Brené Brown

In den letzten Wochen habe ich 55 Frauen dazu befragt, was ihre größten Herausforderungen in Beziehungen sind. Rund 30% der Frauen haben Schwierigkeiten damit eigene Schwächen zu zeigen. Ich bin überzeugt, dass die Dunkelziffer noch höher ist, denn Sätze wie die folgenden sind in unserer Gesellschaft sehr verbreitet:


"Nur die Harten setzen sich durch und haben Erfolg"; "Geh zu Schmidt und nicht zu Schmidtchen"; "Nur die Harten kommen in den Garten" … und viele mehr.


Das Ergebnis der Umfrage hat mich zum Nachdenken angeregt. Was ist eine Schwäche? Wer entscheidet darüber, was eine Schwäche ist und was macht es uns so schwer, diese zu zeigen? Gerade in Bewerbungsgesprächen ist die Frage nach den eigenen Stärken und Schwächen doch so beliebt. Was ist so schlimm daran nicht perfekt zu sein? Wie können wir auch die Seiten annehmen, die uns nicht gefallen und uns authentisch zeigen, denn das ist die Basis für tiefe menschliche Beziehungen.


Ich freue mich, mich in diesem Blogpost mit genau diesen Fragen zu beschäftigen und hoffe, du hast Freude am Lesen.


Was ist eigentlich eine Schwäche?

Das Wort „Schwäche“ hat in der deutschen Sprache verschiedene Bedeutungen und kann für körperliche Unfähigkeiten, charakterliche und moralische Unvollkommenheiten, nachteilige Eigenschaften oder für Mangel an Können stehen. Das ist jedenfalls das, was uns der Duden darüber sagt. Aber wer setzt den Maßstab? Meistens wir selbst oder andere in unserem Umfeld und zwar ganz unbewusst. Im Laufe unseres Lebens bildet sich unser ganz persönlicher Maßstab durch Aussagen oder Verhaltensweisen unserer Eltern, unseren Erlebnissen in der Schule und die Medien. Gerade durch die Sozialen Medien wie Instagram wird uns oft eine Realität „vorgespielt“, die nicht existiert und trotzdem unseren Maßstab von zum Beispiel Schönheit, Erfolg und Partnerschaft verschiebt. Wir messen uns selbst mit den Maßstäben einer Märchenwelt. Ist das nicht ironisch?

Klar also, dass wir tausende Dinge an uns finden, die wir nicht mögen oder hässlich finden. Mit dem Blick auf das gerichtet, was wir nicht haben, suchen wir es bei anderen – und Eines ist klar: Es wird Menschen geben bei denen wir das finden. Doch ich verrate dir noch was: es wird auch den Menschen geben, die bei dir finden, was ihnen fehlt.

Man kennt es zu gut - es klingelt an der Wohnungstüre und denkt sich: „Wer ist das denn jetzt? Ich seh‘ schrecklich aus! Die Bude sieht aus als wäre eine Bombe eingeschlagen, so kann ich auf keinen Fall aufmachen!“ Automatisch fängt man an sich selbst für alles zu kritisieren und sich Vorwürfe zu machen. Man schämt sich. Man schämt sich dafür, wie unordentlich und unorganisiert man ist und kann einfach nicht selbstbewusst dazu stehen.

Genauso ist das mit den eigenen Schwächen auch. Wir wollen sie verstecken, wie wir uns beschämt hinter der klingelnden Wohnungstür verstecken und vergessen dabei eins: Es ist menschlich. Denn ich bin mir sicher, dass jeder der das liest schon einmal in dieser Situation oder in einer ähnlichen war. Und zeigt uns das nicht etwas? Schwächen sind menschlich, jeder hat sie und wir dürfen sie annehmen. Wir dürfen nicht den Blick auf das, was gut ist verlieren. Vielleicht hatte man keine Zeit um aufzuräumen und zu duschen, weil man lange arbeitet und müde nach Hause kommt. Vielleicht hat man vorher noch für seine Liebsten gekocht und diesen eine Freude bereitet. Es gibt bestimmt viele Dinge, die man in dem Moment, wo die Tür klingelt, vergisst. Richten wir unseren Blick also zukünftig in genau solchen Momenten auf das was gut an uns ist - auf das, was wir an uns mögen.

Um seine Schwächen annehmen zu können ist es wichtig, sich selbst kennenzulernen und zu reflektieren. Hier sind ein paar Gedankenstützen dazu.


Ich rate dir die Fragen schriftlich zu beantworten.

  • Was bedeutet es für dich schwach zu sein?

  • Was von dir versteckst du lieber vor anderen?


Bist du schwach, wenn du am Tag nicht alles schaffst, was du dir vorgenommen hast? Wenn die Wohnung unaufgeräumt ist? Wenn du die Antwort auf eine Frage deines Chefs nicht weißt? Dir aufgrund einer Filmszene die Tränen kommen oder du wütend die Tür vor deinem Partner zuschlägst?


Mir selbst ist es lange schwer gefallen zu weinen und besonders dann, wenn andere Menschen dabei waren. Ich habe es sehr gut gelernt, meine Gefühle nicht so zu zeigen wie sie wirklich sind. Sogar so gut, dass ich Traurigkeit, Angst, Wut, d.h. all die Gefühle, mit denen ich Schwäche verbunden habe gar nicht mehr spüren konnte. Ich dachte "ich bin halt kein so ärgerlicher oder trauriger Mensch". Jedoch hat mein Körper diese Gefühle einfach gedeckelt. Sie waren nicht weg, nur eben für mich nicht mehr wahrnehmbar. Die Folge war, als ich sie nach und nach wieder in mein Leben gelassen habe, dass sie erstmal in einer solchen Intensität spürbar waren, dass ich sie allein kaum aushalten konnte. Heute bin ich froh, dass ich diese Gefühle wieder in mein Leben integriert habe und weiter integrieren werde, denn somit ist auch meine Fähigkeit zu Lieben, Freude zu empfinden und mich von anderen Menschen emotional berühren zu lassen deutlich gestiegen. Außerdem sinkt die Gefahr der verheerenden Wirkung, eingeschlossener negativer Emotionen, auf die physische Gesundheit!


Die Erwartungen, die wir an uns selbst haben, beeinflussen uns so sehr, dass sie uns daran hindern zu unseren Schwächen zu stehen. Um das, was da in uns passiert, besser verstehen zu können, hat der US-amerikanische Psychologe Taibi Kahler, inspiriert durch die Transaktionsanalyse von Eric Berne, das Konzept der inneren Antreiber entwickelt. Um genau zu sein, es gibt fünf innere Antreiber, die uns steuern:


1. Sei perfekt!

2. Mach es allen recht!

3. Streng dich an!

4. Beeil dich!

5. Sei stark!


Damit man voll und ganz zu sich stehen kann ist es wichtig, dass man sich über seine Antreiber bewusst ist und ihre Intensität Schritt für Schritt reduziert.


Diese 5 Strategien helfen dir dabei, die Antreiber zu reduzieren:

  1. Selbstreflexion: Beobachte deine Gedanken, deine Gefühle und Verhaltensweisen. Mache dir bewusst, wann diese Antreiber in deinem Leben auftauchen. Wann möchtest du perfekt sein? Wann versuchst du es den anderen recht zu machen?

  2. Selbstmitgefühl: Anstatt dich zu kritisieren, übe Mitgefühl für dich und erinnere dich: Jeder einzelne Mensch besitzt Stärken und Schwächen. Ein erster Trick, um Selbstmitgefühl in dein Leben zu integrieren ist, dich über 30 Tage, mehrmals am Tag, selbst zu umarmen und zu dir zu sagen "ich akzeptiere mich so wie ich bin". Wenn es dir zu Beginn schwerfällt, dich zu umarmen, beginne damit deinen Arm zu streicheln oder bewusst zu halten.

  3. Verbundenheit und Zugehörigkeit: Nähre deine Bedürfnisse nach Verbundenheit und Zugehörigkeit, damit sich die Angst reduziert, aufgrund der eigenen Schwächen abgelehnt zu werden. Mache dir dazu bewusst, wann du im Alltag Zugehörigkeit erlebst und schreibe dir diese Situationen mindestens sieben Tage täglich auf.

  4. Selbstwert/-vertrauen: Stärke deinen Selbstwert. Erkenne, wie wertvoll du bist und dass du es immer warst, auch wenn es Menschen in deinem Leben gab, die dir etwas anderes gesagt haben. Die Aussagen dieser Menschen geben häufig mehr von ihnen preis als von dir.

  5. Lasse los, wer du glaubst sein zu müssen und umarme wer du wirklich bist*


Wie ich bereits am Anfang erwähnt habe, ist das mit den Maßstäben so eine Sache. Denn wir werden ja täglich von einer perfekten Welt, in der alle perfektes Haar, schlanke Figuren, glückliche Ehen und große Häuser haben, die gar nicht existiert, beeinflusst. So messen wir uns nicht mehr nur an den Nachbarn, sondern mit Hollywood-Stars. Natürlich fühlen wir uns sch***e. Wäre es also nicht vielleicht an der Zeit, jetzt wo wir uns das alles bewusst gemacht haben, unsere Maßstäbe nochmal zu überdenken? Vielleicht sogar ganz unabhängig von Mama und Papa oder Nachbarn? Setzen wir uns doch neue, eigene, auf unsere Stärken und Überzeugungen abgestimmte Maßstäbe!


Jeder Mensch hat unterschiedliche Fähigkeiten! Passen wir jedoch unsere Maßstäbe an die Fähigkeiten anderer an, bleiben unsere Stärken verborgen.


Hier sind nochmal ein paar Hilfreiche Fragen zur Selbstreflexion. Beantworte auch diese wieder am Besten schriftlich.


  • Auf einer Skala von 0-10 (0=gering, 10=hoch), wie hoch ist dein Anspruch an dich?

  • Was müsstest du schaffen/erreichen/tun, dass du mit dir zufrieden bist?

  • Was wäre dann, wenn du dieses Ziel erreicht hast?

  • Was bleibt auf der Strecke, während du dieses Ziel anstrebst?

  • Wie geht es dir, wenn du dir das bewusst machst?

  • Wie möchtest du zukünftig mit dir umgehen (kritisch, mitfühlend, liebevoll)?


Letztendlich ist es doch ganz simple: Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Das zu akzeptieren bedeutet seine eigene Menschlichkeit zu akzeptieren. Wenn es uns schwer fällt uns selbst mit all dem, was wir sind, anzunehmen, ist das ein Zeichen dafür, dass in uns Glaubenssätze wie "ich bin nicht gut genug" und innere Antreiber aktiv sind. Um diese zu transformieren benötigt es Selbstreflexion, Mitgefühl, Selbstwert und gut genährte Bedürfnisse nach Verbundenheit und Zugehörigkeit. Mir ist wichtig hier nochmal zu verdeutlichen, du kannst die Intensität der inneren Antreiber und die Auswirkungen der Glaubenssätze aktiv verändern, wenn du das möchtest.


Wenn du tiefer in dieses Thema einsteigen möchtest kann ich dir das Buch "Die Gaben der Unvollkommenheit" von Brené Brown von Herzen empfehlen.


Ich freue mich, wenn wir in Verbindung bleiben und ich dich auf deinem Weg ein Stück begleiten darf. Auf Instagram (@lisamariewydra_beready) und hier im Blog bekommst du regelmäßig neue Inhalte rund um die Themen Selbstliebe, Selbstmitgefühl, gewaltfreie Kommunikation und Achtsamkeit. Zudem veröffentliche ich in Kürze meinen Online Kurs zum Thema „Nein- Sagen und Grenzen setzen mit Hilfe der gewaltfreien Kommunikation“. In diesem arbeiten wir intensiv mit unseren inneren Antreibern.


Mögest du dich so akzeptieren wie du bist.


Von Herzen

Deine Lisa-Marie











*Quellen:

Die Gaben der Unvollkommenheit, Brené Brown, Kamphausen.media, 8. Auflage, 2020

74 Ansichten